L-Carnitin: Totgesagte (Mythen) leben länger!

L-Carnitin im Ausdauersport

Kraftsportler und Bodybuilder haben in jüngerer Vergangenheit nicht schlecht gestaunt, als eine totgesagte Substanz zu neuem „Leben“ erweckt wurde: L-Carnitin.
Carnitin ist eine vitaminähnliche Substanz, die vor allem in Fleisch enthalten ist. Für den menschlichen Organismus ist Carnitin unentbehrlich – allerdings kann der gesunde Organismus die erforderlichen Mengen selber synthetisieren, dies auch dann, wenn die Zufuhr durch die Nahrung fehlt (z. B. bei Veganern).

In den 90er Jahren eroberte L-Carnitin die Kraftsport- und Bodybuilderszene. Hintergrund dafür war die Erkenntnis, dass L-Carnitin im menschlichen Organismus eine zentrale Rolle beim Transport von Fettsäuren und schließlich der Fettverbrennung zukommt. Diese Erkenntnis reichte dann offensichtlich, um den Schluss daraus zu ziehen, dass eine erhöhte Aufnahme von L-Carnitin zu einer gesteigerten Fettverbrennung führt – für Bodybuilder- und Kraftsportler ein wesentliches Ziel!

Als sehr gut angelegte Studien bereits Anfang der „Nullerjahre“ zeigen konnten, dass eine erhöhte Aufnahme von L-Carnitin nicht zu einer gesteigerten Fettverbrennung führt und führen kann, weil es sein Ziel, also die Muskelzelle gar nicht erst erreicht, verpuffte der Hype um L-Carnitin in der Kraftsport-Szene.
Plötzlich aber tauchten L-Carnitin-Supplemente am Markt wieder auf; dieses Mal jedoch im Kampf um die Gunst einer anderen Zielgruppe: Ausdauersportler.
Erklären lässt sich dieses Phänomen wohl damit, dass „Fett“ als Energielieferant bei langen Ausdauerbelastungen in den letzten Jahren immer mehr Bedeutung kam. Lange Zeit ging es im Ausdauerbereich lediglich darum, die Kohlenhydratzufuhr und die Speicher für körpereigene Kohlenhydrate (Glykogenspeicher in Muskeln und Leber) zu optimieren. Auch die Ernährungsweise von Ausdauersportlern war sehr stark auf die Aufnahme von Kohlenhydraten gerichtet.

Kohlenhydrate und körpereigene Kohlenhydratspeicher sind aber nur begrenzte Energiereservoirs und reichen nicht, um als alleinige Energiequelle über lange Distanzen zu dienen. Diese Fähigkeiten kommen nur dem (körpereigenen) „Fett“ zu. Je mehr Fett also von Beginn einer Ausdauerbelastung an verbrannt wird, desto stärker werden die körpereigenen Kohlenhydratspeicher geschont und desto länger kann die Ausdauerleistungsfähigkeit aufrecht erhalten werden. Es liegt also auf der Hand, die Nutzung von (körpereigenem) Fett bei der Ausdauerbelastung zu optimieren.

Und damit sind wir auch schon beim L-Carnitin und der alten Story vom Fetttransporter bzw. Fatburner.

Offensichtlich wurde die „aufgewärmte“ Story vom Super-Fatburner „L-Carnitin“ von Ausdauerathleten durchaus angenommen, wie schon von Kraftsportlern in den 90er Jahren. Schließlich sind die Regale wieder einmal mit L-Carnitin-Produkten gefüllt.
Das macht die Story aber nicht besser und L-Carnitin nicht wirksamer. Als Fatburner und/ oder als leistungssteigernde Substanz ist und bleibt L-Carnitin wirkungslos. Wird L-Carnitin geschluckt, egal in welchen Mengen, es kommt nicht dort an, wo es wirken soll, nämlich in der Muskelzelle. Aus diesem Grund ist es für gesunde Sportler zur Leistungssteigerung überflüssig.
Dabei liegt die Betonung auf „gesunde Sportler“! Denn – und das sei dringend anzumerken – hat der Stoff „L-Carnitin“ sehr wohl seine Berechtigung als wirksame Substanz in der Ernährungsmedizin, also bei der Behandlung von Patienten mit bestimmten Erkrankungen (z. B. Dialysepatienten).